Frostfischtransporte im Jahre 1903/04

Ein unbekanntes Kapitel der deutschen Schifffahrtsgeschichte

Im Jahre 1879 begann der kommerzielle Gefrierfleischtransport unter britischer Flagge. Der Dampfer Strathleven transportierte 40ts Rind- und Hammelfleisch von Melbourne, Victoria, Australien nach London. Im gleichen Jahre beförderte der Dampfer Circassia, Anchor Line, 400ts Gefrierfleisch von New York nach Glasgow. Ab 1882 wurde Gefrierfleisch von Neuseeland nach England transportiert, ab 1886 vom La Plata. Immer mehr britische Linienfrachtdampfer erhielten isolierte Laderäume eingebaut für den Gefrierfleischtransport. Ab 1881 bis 1886 beförderte die Hamburger Reederei Rob. M. Sloman Gefrierfleisch auf ihren vier Neubauten im Liniendienst von Australien/ Neuseeland nach London. 1894 wurde das erste deutsche Vollkühlschiff, der Dampfer Severus, Reederei C. Andersen, in Dienst gestellt. 1894/95 übernahm die Hapag (Hamburg-Amerika Linie) fünf große Frachtdampfer, die isolierte Laderäume hatten für den Gefrierfleischtransport. Der Reichstag verbot 1894 den Import von Gefrierfleisch und von Lebendvieh nach Deutschland bis zum 1. Weltkrieg.

Um 1900 wurden in der Firma C. Lindenberg, Hamburg, Überlegungen angestellt, gefrorenen Fisch zu importieren. Man charterte den Dampfer Bianca von der Reederei T. & F. Eimbcke, der 1899 auf der Schiffswerft H. Koch, Lübeck, gebaut worden war. Er wurde von Januar bis März 1903 auf der Reiherstiegwerft, Hamburg, zum Kühlschiff umgebaut.

Die Laderäume wurden gut isoliert; besonders sorgfältig die großen Ladeluken, die beibehalten wurden, damit das Schiff auf der Ausreise mit Stückgut beladen werden konnte. Zur Kühlung der beiden großen Laderäume auf -8° C dienten drei gleiche Kohlensäuremaschinen von C. G. Haubold in Chemnitz, von denen die eine als Reserve und zur Unterstützung der anderen beim Einfrieren der Lachse auf dem Fluss Amur dienten.

Die Bianca verließ Hamburg mit einer Stückgutladung für Japan Anfang April 1903 und traf Mitte Juli auf dem sibirischen Fluss Amur ein. Mit Hilfe der Kühlmaschinen wurden die Gefrierräume auf einer Temperatur von -8°C bis -10°C gehalten. In Booten wurden die Lachse, die auf dem Amur in die Netze gingen, an Bord gebracht. Täglich wurden rd. 2.000 Stück frisch gefangene Lachse eingefroren in Laderaum II. Die Fische wurden auf Regalen zehn Stunden lang ausgelegt von der Besatzung und von russischen Verbannten. Anschließend wurden sie in kaltes Wasser getaucht und glasiert. Sie wurden in Pergamentpapier und in Packpapier eingeschlagen und dann zu 10 bis 15 Fische in Holzkisten gestaut, die Löcher in den Wänden hatten. Als die Fischwanderung im September endete, waren die Laderäume nahezu gefüllt mit 150.000 Lachsen. Man schloss die Luken und begab sich auf die Heimreise. Im Dezember 1903 erreichte man Altona. Die Lachse wurden aus dem Schiff heraus verkauft. Das Schiff machte zwei weitere Reisen. Auf der dritten Reise 1905 wurde das Schiff an die Russen verkauft. Russland war im Krieg mit Japan. Neuer Name Neva. 1909 brachte das Schiff erneut eine volle Ladung Gefrierlachs von Ostasien nach London, Hamburg und anderen Häfen.

Kühldampfer Bianca, 1899 von der Schiffswerft H. Koch, Lübeck, an A. Kirsten, Hamburg. 1.389 BRT, 869 NRT, 1.700 tdw. Länge 74,65 m, Breite 11,04 m, III- Exp.- Mascine, 600 PS, 9 kn. Besatzung 18 Mann. Ende 1902 verkauft an T. & F. Eimcke, Hamburg. Von Jan. bis März 1903 umgebaut auf der Reiherstieg- Werft, Hamburg, zum Kühlschiff. Einbau von drei Kühlmaschinen von C.G. Haubold, Chemnitz. Kühlräume 56.841 cbf. 9.800 cbf unisolierter Laderaum. Kühlmittel CO2. Isoliert waren die Laderäumne 1, 2 und 4. Laderaum 3 war nicht isoliert. Er diente als Puffer zwischen dem heißen Kesselraum und Kühlladeraum 2. In Laderaum 2 wurden die Fische eingefroren und dann in Laderaum 1 und 4 gelagert. Plan Archiv des Deutschen Sschifffahrtsmuseum, Brhv., Plan VIII, 1 1/ 168. Bianca, Generalplan M 1:100.

Dr. Peter Dittrich


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